Ein Jubiläum das keines ist

Was ein Jahr. Ich bin lange stumm geblieben. Aber ich bin sicher nicht stehen geblieben. Und ein Blick in meinen Kalender verrät: ich habe Jubiläum. Oder vielmehr: hätte. Und zwar hätte ich, wäre mir nicht die Gesetzgebung dazwischen gekommen, mein 10 jähriges Jubiläum als professionelle Domina zu feiern. Wow. Das darf man mal einfach so stehen lassen: eine ganze Dekade. Und damit ein Drittel meines Lebens. Und, aktuelle Situation hin oder her, das ist schon ein ziemlicher Meilenstein. Da frage ich mich: wo ist all die Zeit geblieben? Aber wenn ich mich erinnere, dann weiß ich wo sie ist: in all den tiefen Begegnungen, in all den köstlich-amüsanten Moment, in all der entgegengebrachten Verehrung und in all den Geschichten und Heterotopien, welche ich erleben durfte. Das lässt mich lächeln. Viele Menschen haben mich in dieser Zeit begleitet. Manche nur ein kurzes Stück, manche einige Jahre, manche bis zum heutigen Tag.

Ich bin immer noch der Gummilust verfallen, schätze einen guten Fußschemel und nehme gerne die Anamnese an einem (renitenten) Patienten vor. Ich lasse meinen Gegenüber gerne in Seilen zappeln, schweben, leiden. Liebe die Hingabe und mit weilen die Frustration in den Augen meines Gegenübers. Ein buntes Bouquet an Spielweisen und Neigungen. Alles authentisch. Alles ich. Denn so wie es nicht nur schwarz und weiß, sondern sehr viele Grautöne dazwischen gibt, so gilt dies ebenso für meinen BDSM. Wenn ich zurückblicke, sehe ich den langen Weg, welchen ich beschritten habe, sehe die Wurzeln, aus welchen dies alles gewachsen ist und erkenne zeitgleich neue Triebe, welche zukünftig sich kräftigen und erblühen werden. Ich bin nicht mehr das blutjunge Fräulein, welches sich in Rüschen und Schleifchen kleidete – und doch findet sich beides noch: Schleifchen an manchem Schuhwerk, Rüschen an dem Saum eines Gummirocks. Heute begeisterte Gummifetischistin mit Vorliebe für TTE, aufwendigen Verschlauchungen und einem riesigen Gummifundus, damals skeptisches Fräulein, welchem Maskengesichter nicht ganz geheuer waren (und dann kam Tag X, an welchem ich das erste Mal 6h in einem Vollanzug steckte – danke an den “Spezialpatienten” der damit sowohl den Grundstein für meinen Fetischismus als auch für meine Faszination für Gummiklinik legte). Die Seile habe ich tatsächlich erst vor 4 Jahren so richtig für mich entdeckt, ihr Art der Kommunikation und wie sie doch so viel mehr sind, als nur bloßes Fixierungsmedium – seitdem umso passionierter. Auch am kommenden Wochenende steht nun die mittlerweile 3te BoundCon meets Feringa mitsamt Fesselworkshops für mich an. Und der Fußfetisch? Ja, den könnte man wohl als “meine Konstante” bezeichnen – so machte es mir schon sehr früh Spaß artige und unartige Bengel zu meinen Füßen liegen zu haben – mal selig schmachtend an meinen Zehen lutschend, mal schmerzverzerrt leidend an aromatischen Söckchen erstickend…ja, da hat sich nicht sehr viel verändert. Gut, man wird perfider – das gebe ich durchaus zu. 😉

Und die Klinik? Nun, die war ist und ist für mich immer noch wie der Eintritt in eine andere Wirklichkeit: ob nun Oberschwester, Gummiärztin, Verhaltenstherapeutin oder sadistische Behandlerin – das Rollenspiel verbunden mit Praktik und Ambiente fordert Detail und Aufmerksamkeit, sodass eine ganz eigene Form der Realität entsteht. Auch das fing es mit einem Kittel an, über welchen ich heute nur müde lächeln würde und als netten Versuch abtun. Heute sind es OP-Kleidung, Kasack und Arztmantel. Gummischürze, Schwesterntracht und Häubchen.

Detailverliebtheit ist glaube ich ein Wort, welche alle Bereiche meines Tuns sehr treffend beschreibt. Denn das genau Hinsehen lässt erst die wirklich interessanten (und schönen Dinge) erkennen – im Spiel, im Gegenüber und in sich selbst. Das ich gerne im jeweiligen Augenblick verweile (weil er doch so schön ist..^^) hat sich nicht verändert. Die Kleinigkeiten auskosten, welche mein Gegenüber mir darbietet – im Lust, in Schmerz, in Hingabe, in ringendem Atem, in ehrerbietenden Blicken, in Bewegungslosigkeit und schlussendlich in einer Form der Zeitlosigkeit, welche nur in einem intensiven Miteinander entstehen kann.

Ich freue mich auf die Zukunft, all das Werden und die neuen Geschichten, Emotionen und Erinnerungen, welche es noch zu schaffen gilt. Danke, an alle dich mich dabei begleiten dürfen.

Es grüßt,

Fräulein Lilly – Mistress of arts

Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluß des Lebens schreiten mußt, niemand außer dir allein. Zwar gibt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluß tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst: du würdest dich verpfänden und verlieren. Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.

(Nietzsche)

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