Von Tagen am Meer und Reisen zum Mond (und wieder zurück)..

Nachdem die Schockstarre nach meiner letzten Ankündigung nun hoffentlich verklungen ist (danke an der Stelle an all’ die netten und bedauernden Zuschriften – ich habe mich über jede einzelne sehr gefreut), wird es höchste Zeit für ein paar neue Gedanken, welche hinweg tragen von dem tristen Alltag und all den Dingen die da kommen werden.

Worüber denken wir denn heute? Ich glaube, ich greife einfach mal (wieder) ein paar Gesprächsfetzen aus Unterhaltungen auf, welche ich in den letzten Wochen führte. Dabei ging es vermehrt um das Thema Individualbedürfnis und BDSM, sowie BDSM und Beziehung – sowohl zu sich, als auch zu Anderen.

Beziehung zu sich selbst? Genau. Es ist in meinen Augen absolut falsch “Beziehung” auf das von uns (vermeintlich) vorgeschriebene Konstrukt der romantischen Liebe zu reduzieren. Tatsächlich glaube ich, dass eine solche erst funktionieren kann, wenn die Beziehung, der Bezug zu sich selbst hergestellt und intakt ist. Und um diesen Bezug tatsächlich haben zu können, braucht es neben reflexiven Momenten auch die Fähigkeit Bedürfnisse zu erkennen und einzusortieren bzw. diesen Raum zu geben. Aber der Reihe nach – ich schaue mir heute mal BDSM und Individualbedürfnis bzw die Beziehung zu sich selbst an.

Ich denke so ziemlich jeder BDSMer stand schon mal vor der Frage (oder dem Zweifel), warum man denn nun so ist, wie man ist. Im besten Falle trat diese Frage im geschützten Raum des Nachdenkens und Ergründen des eigenen Selbst auf, sodass man sich mit sensibler Neugier der Thematik zugewandt hat (oder regelmäßig zuwendet) und eventuell mit einem Schmunzeln die eine oder andere Verbindung herstellen konnte. Im schlechtesten Fall handelt es sich dabei um eine Art Selbstzerfleischung der Schuldgefühle, des äußeren Drucks und einer guten Portion Verzweiflung über die Andersartigkeit des eigenen Selbst. Aber natürlich gibt es auch vieles mittendrin – Tendenz mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Mir geht es auch gar nicht darum eine allgemeingültige Antwort zu geben (oder zu suchen), sondern darauf zu verweisen, dass jedes Bedürfniss erstmal als solches aufgefasst werden sollte. Ganz ohne Wertung.
Wenn ich Hunger habe, dann esse ich. Wenn ich müde bin, dann schlafe ich. Wenn ich Musik hören möchte, dann höre ich Musik.
Gut, dies sind alles Dinge, welche ich alleine tun kann, mag man jetzt einwenden. Aber wenn ich ein Gespräch führen möchte, dann suche ich mir je Thematik den passenden Gegenüber. Habe ich ein bauliches Problem, dann suche ich mir den passenden Fachmann. Wenn ich gerne klassisch tanzen möchte, dann suche ich eine Tanzschule auf. Ich denke da stimmt mir jeder zu. Da hinterfragt man auch nicht groß, sondern kümmert sich darum eben diesem Bedürfnis im passenden Rahmen nachzukommen

Und wenn ich davon träume erniedrigt zu werden? Oder Latex zu tragen? Oder kunstvoll verschnürt zu werden? Oder einfach nichts tun zu können? Nun, auch dann suche ich mir das passende Gegenüber.
Ich erwarte nicht, dass ein Bäcker etwas von Autos versteht, oder ein Zahnarzt vom Gartenbau.
Worauf will ich mit diesen Analogien hinaus? Ganz einfach: es gibt für alles den richtigen Ort, die richtige Zeit und das richtige Gegenüber. Wieso auch nicht? Wenn zwei Individuen sich zusammenfinden in gleicher Absicht und gleicher Freude – was daran soll falsch sein? Wenn ich lieber klassische Musik als Techno höre, dann ist das legitim. Wenn ich lieber die Schönheit eines weiblichen Fußes bewundere und mich in den Details der lackierten Zehen verliere, als die dralle Wasserstoffblondine in der Bar abzuschleppen, dann auch. Und ja, man kann auch beides mögen. In beiden Fällen. Es wertet weder das eine auf, noch das andere ab. Es sind Fragmente, welche uns zu Menschen machen.
Ich habe viele Menschen in den letzten Jahren kennenlernen dürfen: manche suchen die Flucht aus dem Alltag, manche leben ihr (nicht immer) verstecktes Naturell in voller Blüte aus, manche sind “einfach” Fetischisten, wiederum andere wollen einfach mal abgeben oder den immer hirnenden Kopf ausschalten. Immer dabei ist wohl das Vertrauen in mir einen verständigen Gegenüber zu haben. Und ja, ich interessiere mich sehr – für jeden Einzelnen, jedes einzelne Bedürfnis.
Ich benutze gerne die Analogie des Musikinstruments: jedes braucht einen anderen Umgang und deswegen ist der individuelle Umgang ein so wichtiger – ein Saiteninstrument bedarf eines anderen als ein Blasinstrument. Sie sind verschieden und trotzdem können beide die schönsten Melodien hervorbringen.

Wir sind keine Instrumente, sondern menschliehe Wesen – fühlende, denkende, atmende (naja…manchmal nicht ^^:P). Und trotzdem bringen uns die unterschiedlichsten Dinge zum “schwingen” und locken uns die schönsten Töne hervor – diese Dinge sind die Bedürfnisse, welche wir in uns tragen, die Sehnsüchte, welchen wir uns hingeben möchten. Tun wir dies nicht, so verstummen wir. Tun wir dies, können die schönsten Kompositionen entstehen und und einen inneren Ausgleich und Zufriedenheit bringen.

Bei dem Geschriebenen geht es aber gerade gar nicht mal so sehr um das Miteinander, sondern tatsächlich um das “Ich”. Denn nur ein “Ich”, welches sich genau diese Bedürfnisse zugesteht und diese zu erfüllen sucht, kann in einem Miteinander münden – egal ob im Kontext des BDSM oder im Alltag. Ein Bezug des Selbst zu sich hat in keinster Weise etwas mit Selbstsucht zu tun (wie uns sehr gerne mal suggeriert wird), sondern mit einem wachen Geist und Gespür für sich selbst. Daran ist absolut nichts schlechtes. Denn nur wenn man bei sich selbst ist, so kann man auch mit Anderen sein. Kann ich eine Beziehung zu mir Selbst und meinen Bedürfnissen aufbauen und diesen eben den Platz einräumen welchen es braucht, dass es mir gut geht, so bin ich doch schon nahe an dem, was ich als ein geglücktes Leben bezeichnen würde. Auch das ist in meinen Augen allgemeingültig anwendbar, aber eben auch im spezifischen auf den Kontext des BDSM. Nehmt euch eure Auszeit, nehmt euch eure dunklen Sehnsüchte, gebt euch den Fantasien dessen hin, was euch innerlich umtreibt. Und tut dies mit offenen Armen und offenem Geist.

Es grüßt,

Fräulein Lilly

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